Schönheit ist langweilig

Umberto Eco zeigt, wie viel sich aus der Geschichte der Hässlichkeit machen lässt.
Phantasie und Witz finden mehr ihre Rechnung, sich mit dem Hässlichen zu beschäftigen als mit dem Schönen. Aus dem Hässlichen lässt sich viel machen, aus dem Schönen nichts". Das ließ Goethe im Juni 1800 Sinklair in einem kleinen Konversationsstück sagen. "Aber dieses macht uns zu etwas, jenes vernichtet uns!", entgegnete darauf Armidoro, dem Darstellungen des Verabscheuungswerten wenig behagten. Unter dem Eindruck des Schönen sollte der Mensch seine Seele verschönern, indem er sich den Idealen annäherte. Das Hässliche zeigte ihm nur seine Unvollkommenheiten, all das Natürlich-Menschliche, das er möglichst hinter sich lassen sollte. So hieß es seit Platon durch die Jahrhunderte.
Es gab zahllose Versuche, das Schöne zu bestimmen. Das Hässliche in seinen vielen Erscheinungsarten wurde meist nur als Gegenteil des Schönen beachtet, abgesehen von dem Philosophen Karl Rosenkranz, der 1853 eine immer noch unerschöpfliche "Ästhetik des Hässlichen" vorlegte. Umberto Eco und seinen Mitarbeitern leistete sie gute Dienste bei ihrer "Geschichte der Hässlichkeit". Dennoch gehörten das Widerwärtige, Abscheuliche, Entsetzliche oder Groteske während der schon von den Römern zur "klassischen" erhobenen Antike unübersehbar zum griechischen Alltag. Goethes Mephisto, im absurden Norden doch einiges gewöhnt, staunte am Oberen Peneios über Ungeheuer, die deutsche Teufel nicht einmal auf den Schwellen "der grauenvollsten unserer Höllen" duldeten. "Hier wurzelt's in der Schönheit Land". Über römische Vermittlung kamen mythologische Gespenster, aber auch trunkne Weiber oder fette Satyrn auch in die nachantike Welt. Das Hässliche, sofern nicht dämonisch, konnte zum Lachen reizen, weil die hässlichen Klassen, Sklaven und Bauern, als komisch galten, plump, triebhaft und dem Tierreich ziemlich nahe. Von ihnen unterschieden sich die Vornehmen und Gebildeten, deren äußere Anmut auf eine innere wies. Aber schon im klassischen Athen konnte der schönste aller Bürger und Helden, Alkibiades, im hässlichen Sokrates eine Seelenschönheit feiern, die seine körperlichen Unvollkommenheiten vergessen machte. Schon bei Platon ist die Überlegenheit des Inneren über das Äußere selbstverständlich. Wie es später die Stoiker und dann die Christen lehrten, ununterbrochen mit der eigenen Vervollkommnung beschäftigt, als Aristokrat aber unbedingt dazu angehalten, der schönen Seele auch zu einer schönen Gestalt zu verhelfen. Via: www.welt.de

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Matthias Hartmann mit «Ödipus» nach – oder eher von – Sophokles
Einen Etikettenschwindel der besonderen Art begeht Zürichs Schauspielchef Matthias Hartmann diesen Herbst bei seiner ersten Premiere in der grossen Schiffbauhalle. Angekündigt war ein «Projekt», herausgekommen ist eine Inszenierung, die sehr nahe an Struktur und Text der Vorlage bleibt. Das Stück siegt über die Regieeinfälle. Kein Wunder: Handelt es sich doch um Sophokles' «Ödipus», von dem bereits Aristoteles als «Glücksfall einer Tragödie» sprach. Wenn Jean-Pierre Cornu also am Schluss auf jene Glaswand, die den offenen, nach hinten ansteigenden Bühnenraum von Karl-Ernst Herrmann unterteilt, mit dickem Pinsel «Happy End» schreibt, heisst das nicht nur, dass Kreon seinen Weg zum Thron, den der tragische Held Ödipus räumt, wieder frei sieht. Sondern auch, dass zwei Stunden insgesamt anregenden Theaters glücklich enden. Es hätte schiefgehen können. Der Abend fängt nämlich mit didaktischen Ambitionen an, die in Richtung kollektives Brainstorming-Seminar zeigefingern. Thema, erstens: Sehen/Nicht-Sehen. Ödipus, man weiss es, beraubt sich, als er endlich sieht, was er lange zu sehen sich weigerte, zuletzt des Augenlichts. Darum decken in Overalls gekleidete Hilfskräfte die Glasfläche mit weisser Farbe zu, bis eine undurchsichtige Wand dasteht. Via: www.nzz.ch

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